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Schade, dass dieser und die folgenden Absätze das Thema, Vermittlung der Geschichte des Holocaust, nicht mehr aufgreifen. Denn was bedeutet die “ambivalente Speichereigenschaft” des Mediums für die Thematisierung der Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust?

Der Beitrag würde gewinnen, wenn exemplarisch gezeigt werden könnte, wie “geteilte Autorenschaft” und hypertextuelle Strukturen die Vermittlung von Wissen über den Holocaust verändern.

Was bedeutet “Zeitgeist”? Der eher feuilletonistische Begriff eröffnet das Feld für Assoziationen… der Begriff ist als Bezugspunkt einer Analyse deshalb wenig hilfreich, vor allem wenn die Relevanz von literaturwissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen betrachtet wird.

Welcher Begriff von Wissen verbirgt sich hinter der Argumentation, die jüngere Generation müsse “an historischen Ereignissen partizipieren” können? Oder geht es um Partizipation an Erinnerung?
Vielleicht wäre es hilfreich, die Fragestellung des Beitrags zu begrenzen und damit zu präzisieren: die Bedeutung von Blogs für die Erinnerung an den Holocaust (Erinnerungskultur) zu untersuchen oder nach deren Bedeutung im Kontext der Vermittlung von Wissen zu fragen?

Der Beitrag kann insgesamt eigentlich nur dann funktionieren, wenn die getroffenen Aussagen sehr klar an der Analyse konkreter Beispiele festgemacht werden. Vielleicht ist der Text aber auch einfach seiner Zeit vorraus, weil zu viel noch im Spekulativen bleiben muss? Bei der Lektüre bleibt dann zu viel offen.

Die Inhalte eines Blogs könnten dennoch auch wissenschaftlich und “hochkulturell” sein – wenn sie entsprechend, und von den entsprechenden Personen, konzipiert und umgesetzt sind.
Was ist mit “zweifelhaften Unterhaltungswert” gemeint?

Bemerkungen zur “Mediatisierung der Alltagswelt” können gestrafft oder sogar ganz weggelassen werden.

“jüngste Gegenwart” – gibt es auch eine “ältere Gegenwart”?;
bitte Beispiele für die genannten Kategorien: Videotagebücher etc. geben.

Thema bitte von Beginn an viel klarer machen – Beispiel “Arabische Revolution” führt eher zu weit weg.

zu umgekehrten Chronologie, narrativen Strukturen und Hypertext unbedingt auch Beitrag Hodel berücksichtigen.

Es wird in diesem Beitrag nicht klar, worüber geschrieben wird: über Blogs zum Holocaust oder über das Narrative in Blogs. Der Text muss dahingehend noch einmal eingehend überarbeitet werden und einen klaren Fokus finden.

Zu den Spezifikationen wie Blogs von Jungen genutzt werden, den Text von König/Pallaske in diesem Band berücksichtigen!

Der Titel hat nicht viel mit dem Text gemein und sollte verändert werden.

Das hängt wieder davon ab, ob wir hier von Erzählen sprechen können … s.o.

Naja, aber es gibt schon sehr gute Möglichkeiten im Reich der Netzwerkanalyse für solche Auswertungen!

Achtung: dieser Absatz ist viel zu lang und daher schwer leserlich, bitte ändern.

Like-Button: muss wohl nicht erklärt werden.

Hier wäre ein Hinweis auf den Text von Burns/Burgess in diesem Band hilfreich, vielleicht findet sich auch eine Anknüpfung für die hier gemachten Aussagen?

Die Verneinung des Begriffs “Werk” ziehe ich in diesem Zusammenhang m.E. in Zweifel. Warum sollte es sich hier nicht um ein Werk handeln, welche Definitionen werden benutzt?

Was ist eine Autorenpersonß

Warum soll das kein geistiges und schützenswertes Eigentum sein??

Ein paar Fußnoten…?

Ja, Angemessenheit ist wohl das Stichwort hier!

Warum muss der “verblassenden Erinnerung” Einhalt geboten werden?

RE: befragt … fragt WH

Hier wird nicht ganz klar: stammen die Blogs nun von Einrichtungen wie Museen oder Gedenkstätten oder sind sie privater Natur … und was heißt dann privat?

Über den Terminus “Erinnerungsformate” ließe sich wohl ausgiebig diskutieren, oder?

RE: … und, wenn möglich, …

Ausdruck: “erinnerungslose Generation” … sehr problematisch.

Übergang zum vorher gesagten???

Ist der Terminus “neue Medien” tatsächlich immer noch zulässig?

Ergänzen/ersetzen: Muammar Muhammad al-Gaddafi

Nach einem heute weit verbreiteten Verständnis von Geschichtswissenschaft schafft sie keine “neue Faktenlage”, sondern wertet zusätzliche Quellen aus und interpretiert vorhandene unter neuen Fragestellungen und anderen Erkenntnisinteressen.
Der Wert des von mir publizierten Textes “Geschichte der Bundesrepublik Deutschland” (http://fontanetext.blogspot.de/2011/01/geschichte-der-bundesrepublik.html) wird doch nicht dadurch gemindert, dass er im Blog erscheint, sondern dadurch, dass er sehr allgemein ist und sich offenbar nur auf allgemeine Sekundärliteratur stützt. Entsprechend ist der Wert der Quelle “Tagebuch eines 68ers” (http://tagebucheines68ers.blogspot.de/) nicht dadurch beschränkt, dass sie kommentiert werden kann, sondern dadurch, dass der Verfasser nichts Relevantes vorzutragen hat und dass er überdies den digitalen Text jederzeit verändern kann, ohne dass das leicht nachweisbar wäre, während das beim auf Papier vorliegenden Tagebuch fast unmöglich erscheint.

Meine Stellungnahme beruht nicht auf Literaturkenntnis, sondern nur auf meinem Umgang mit historischen Quellen, historischen Darstellungen und mit Blogs, die sich mit geschichtswissenschaftlichen Themen im weitesten Sinne befassen.
Die beliebige nachträgliche Veränderbarkeit datierter Aussagen kommt mir bei der Bewertung von Blogtexten zu kurz.

Was verstehen Sie unter einem “gesonderten wissenschaftlichen Nutzen”?
Angesichts der unüberschaubaren Menge von Texten wird eine systematische Auswertung gewiss erschwert. Im Unterschied etwa zur Wikipedia ist auch die Entstehungsgeschichte einer Blogaussage nicht rekonstruierbar. Der Autor kann seine Formulierungen auch nach Jahren noch (!) ändern, ohne dass das nachweisbar ist, wenn man nicht die frühere Version aus dem Netzarchiv rekonstruieren kann. – Das verbietet das Vertrauen in die Datierbarkeit von Blogaussagen. Aber, dass Kommentare zum Blog möglich sind, als solches wird doch nicht dazu führen, dass wir Daniel Bernsens Autorschaft bezweifeln müssen (http://geschichtsunterricht.wordpress.com/), wenn er über das Verfahren des Open Reviews für die vorliegende Publikation mit folgenden Worten beschreibt: “Die Rückmeldung auf die Bitte um die Freischaltung der Kommentarfunktion hat mehrere Stunden gebraucht und wurde dann abgelehnt, weil ich keinen Klarnamen angegeben hatte (wohl aber eine verifizierbare E-Mailadresse mit Klarnamen und meinen “Twitter-Namen”). Wenn das die Verlagspolitik ist, ok. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen so geht, dass sie gerne einen Teil der Artikel lesen, vielleicht auch bereits sind, dazu spontan Rückmeldungen einfließen zu lassen. Wenn das Anmeldeverfahren dafür aber vergleichsweise umständlich ist, dürfte das nicht zu einer breiten Beteiligung führen.”
Aber auch die Aussage von Tony Fox “Using ICT students annotated and marked various maps, we scanned the maps, then using Macromedia Fireworks I then produced them in different colours, for example I used blue for 1782 and yellow for 1831, this allowed the blue to be seen through the yellow. I also found at that the transparency tool in the image manipulation software, worked very well in showing changes, I also found that in adding more maps of different dates, the students could also examine the speed of change.” (http://foxburg.edublogs.org/2012/09/26/teaching-and-learning-with-digital-resources/) wird doch nicht dadurch unglaubwürdiger, dass sie nicht auf Papier, sondern nur im Netz vorliegt.

“kann der verfasste Blogtext nur schwer als geistig originäres und schützenswertes Eigentum zugeordnet werden”
Wollen Sie das ernsthaft auch für A-Blogger (http://de.wikipedia.org/wiki/A-Blogger) wie Stefan Niggemeier und die Kolumnisten von Huffington Post (u.a. Richars Dawkins) behaupten?

“Nach einer Art „Copy-and-Paste“-Methode erlebt diese Generation Geschichte nur in Ausschnitten und stets in gegenwärtige Themen und Zusammenhänge integriert.”
Dazu: “Keine eigenen Erinnerungen” an die NS-Zeit haben auch die 66-jährigen nicht. Sie gehören aber nicht zu den “digital natives”. Aber auch viele “digital natives” haben noch Anne Franks Tagebuch gelesen. Das ist nicht in unsere Zeit integriert.
Die “Art „Copy-and-Paste“-Methode” wird von den Produzenten der Geschichtsdarstellung angewandt, nicht von den Rezipienten.
Der ganze Absatz leidet darunter, dass der Verfasser die relativ komplizierten syntaktischen Strukturen nicht durchsichtig genug macht (Satzzeichen) und dass er zu Verallgemeinerungen greift.
Die Blogstruktur, die mit der Spitzenstellung des Aktuellsten gegen die lineare Erzählrichtung steht, eignet sich m.E. gerade nicht für Geschichtenerzähler, sondern allenfalls zum Zusammentragen von Fragmenten.

“via” steht meiner Kenntnis nach nicht mit Genitiv

statt “Einzug erhalten” Einzug gehalten

Kirstin Schmidt: Wie schreibe und lese ich einen Blog (und was sagt das über mich aus?)

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Bloggen für die Vergangenheit? 

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Gemailt, Gebloggt, gechattet, getwittert wird mittlerweile überall, wenn nötig und möglich auch während eines Politgesprächs und vor laufender Kamera. Angefangen als einfache Linkleisten in den späten 1990er Jahren haben neben vielen anderen Webformaten die Webblogs heute in schier sämtlichen Bereichen von Politik, Öffentlichkeit und Kultur Einzug erhalten. Dass sie zudem nicht Randphänomen, sondern durchaus machtvolle Erscheinungen sind, wurde spätestens im Jahr 2011 deutlich, als die so genannte „Arabische Revolution“ in Sekundenbruchteilen via Twitter und anderer Blogformate in die gesamte Welt übertragen wurde und sich revolutionäre Gruppen vor Ort über die sozialen Netzwerke formierten. Im gleichen Jahr 2011 ließ sich aber auch eine weitere Seite dieser Macht erkennen, welche nun jedoch eher als problematisch zu bewerten ist. Im Fall des getöteten Libyschen Machthabers Mohammed Al Gaddafis gab es nicht nur Twittermeldungen, sondern auch bewegte Bilder (vermutlich aufgenommen von Handykameras anwesender Rebellen) von der Verwundung, Tötung und Schändung des Diktators, deren Veröffentlichung und Verbreitung in den neuen Medien jedoch scharf kritisiert wurde. Hier löste die in Echtzeit übertragene und gegenüber einer globalen Weltöffentlichkeit zur Schau gestellte Vorführung von Videos, Fotos eines sterbenden und toten Menschen in „Life-Ticker-Manier“ eine Debatte über die moralische Anstößigkeit und die Verletzungen ethischer Konventionen und Privatsphären-Grundrechte aus.

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„Digitale Technologie mag dazu beigetragen haben, den Arabischen Frühling herbeizuführen […] Digitale Technologie eignet sich aber auch, Akte fern jeglichen zivilisierten Handelns nahezu in Echtzeit zur Information – oder zur Unterhaltung? – einer globalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen“ (Stöcker 2011).

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Wie erst spitzt sich diese Ambivalenz – fortschrittliche Information einerseits und Moral und Ethik verletzende Unterhaltung andererseits – im Fall einer Thematisierung des Holocaust in diesen Medien zu, um deren Beispiel es mir in diesem Artikel vorrangig gehen soll. Welchen Nutzen und welche mögliche Gefahr geht von ihnen aus und was sagt es über mich, den Nutzer dieser Medien aus, wenn ich selbst einen solchen Blog verfasse oder an ihm „teilnehme“?

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„Was heute noch lebendige Erinnerung ist, wird morgen nur noch über die Medien vermittelt sein“ (Assmann, J. 1997). Und es wird schon heute immer mehr über die neuen Medien vermittelt, müsste man hier Jan Assmanns Prognose hinzufügen. Dies bedeutet, dass neue Zugänge zu den unterschiedlichen Darstellungs- und Vermittlungsformaten von Geschichte, der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust, gefunden werden müssen, die es den nachkommenden erinnerungslosen Generationen ermöglichen, an diesen historischen Ereignissen zu partizipieren und wenn möglich aktiv an ihrer Weitervermittlung teilzunehmen. Klar zu scheint dabei, dass neue Erinnerungsformate in erster Linie die junge „Medien-Generation“ ansprechen sollen und sich derart an ihren Trends und Medienkompetenzen orientieren, sich also sozusagen genau dort andocken, wo sich die junge Zielgruppe sowieso die meiste Zeit aufhält: im Internet. In der jüngsten Gegenwart entstehen auf diese Weise fast täglich neue interaktive, multimediale Formate einer „Erinnerungskultur 2.0“. Von Videotagebüchern Holocaustüberlebender, geschichtsdidaktischen E-Learning-Programmen und virtuellen Rundgängen durch Museen und Gedenkstätten, dem Eichmann-Prozess als YouTube-Video, der „Stolperstein-App“, Profilen von Holocaustopfern auf Facebook und Videos Holocaustüberlebender auf YouTube, bis also auch hin zu geschichtswissenschaftlichen Blogs spannt sich der Bogen. Auch wenn in den digitalen Medien und sozialen Netzwerken vielfach im weitesten Sinne das Entertainment im Vordergrund steht, verfolgt die Mehrheit der genannten Formate nicht nur einen unterhaltenden Zweck, sondern ist von Institutionen wie Museen, Gedenkstätten oder anderen historischen Einrichtungen initiiert und geschichtsdidaktisch verantwortet. Diese Blogs sollen einerseits historisches Wissen vermitteln – dies macht schließlich ihr genuines Thema aus – und andererseits ihren wissenschaftlichen Rahmen und Nutzerkreis auf populäre Aspekte ausweiten – dies macht nicht nur die besondere Medialität des Mediums „Blog“, sondern auch der oben erwähnte Anspruch auf neue Vermittlungsstrategien aus. Doch welchen Anspruch verfolgen die personalisierten Blogs, in denen die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust thematisiert und diskutiert wird? Speziell diese privat oder semi-professionell betriebenen Blogs entsprechen in ihrer medialen Form als Tagebuch, Notizensammlung oder Journal, üblicherweise in der ersten Person und zum Teil in Alltagssprache verfasst, gerade nicht per se einer wissenschaftlichen Form und eines wissenschaftlichen Anspruchs, ganz besonders nicht in ihrer Meta-Funktion als Medium der Selbstinszenierung. Obwohl dieses „In-Szene-Setzen“ auch in analogen Medien wie dem Text, speziell der Gattung Tagebuch und seiner Subkategorien, in Fotografien, Filmen etc. als Tendenz zu Selbstinszenierungen nachzuweisen ist (vgl. Becker 2004), gewinnt das Blog vor allem durch die Möglichkeit des ungefilterten „Kommentierens“ ein Feature hinzu, welches sich für die Verhandlung von historischen Themen wie den Holocaust als durchaus problematisch kennzeichnen lässt: Welche, zumal wissenschaftlichen, Qualitätsmaßstäbe können an solche Postings angelegt werden? Welchen Qualitätsanspruch können Kommentare in Blogs oder auf Facebook-Profilen, „Likes“ auf Internetseiten etc. überhaupt erfüllen? Wie lassen sich diese „Spontanquellen“ auswerten? Sind sie lediglich Nachweise für die Erweiterung des Diskurses und der öffentlichen Debatte oder lässt sich an ihnen auch historische Bildung evaluieren und wenn ja, wie?

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Besonders die Literaturwissenschaft nimmt das Medium Blog bislang kaum zur Kenntnis – dies gilt besonders für Blog-Erzählungen zum Thema Holocaust und Nationalsozialismus. Während die Geschichtswissenschaft gerade in Bezug auf die Vermittlung des Holocaust in den neuen Medien wesentlich näher am Zeitgeist operiert, ist die Literaturwissenschaft vorwiegend bemüht, narrative Strukturen in Blogs auszumachen. Diese setzt dieser Artikel voraus und möchte die Perspektive weiter öffnen und in der Verbindung von literaturwissenschaftlicher Analyse, welche die Narratologie von Blogs befragt, und der historischen Quellenforschung, die nach dem Ursprung und der Substanz von Blogeinträgen fragt, die Anwendung und Auswertung von Blogs einem interdisziplinären Diskurs über die Vermittlung von Geschichte(n) zuführen. Besonders für ein Thema wie den Holocaust muss es oberste Priorität der Geschichtswissenschaften und ihrer angrenzenden Disziplinen sein, der zeitlich und unmittelbar verblassenden Erinnerung Einhalt zu gebieten und neue, auch populäre, Wege der Vermittlung von Vergangenheit mitzugehen.

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Aus hinlänglicher Forschung ist bekannt, dass einer der Metaprozesse mannigfaltiger Veränderungen unserer Gegenwart die „Mediatisierung der Alltagswelt“ (u.a. Hartmann/ Hepp 2010; Krotz 2007, 2001) ist, welche sich besonders deutlich im Wandel der sozialen Interaktion mithilfe immer neuer Kommunikationsmedien des WWW abzeichnet. Durch neue (und schon nicht mehr ganz so neue) Kommunikationsmedien wie E-Mail, Chat, Twitter, Sms wird theoretisch ermöglicht, immer und überall, über die Grenzen von Nationen, Staaten, Kulturen hinaus, kommunizieren zu können und global vernetzt zu sein. Diese grenzüberschreitenden Kommunikationsbeziehungen sind als prägnantes Zeichen unserer Zeit auszumachen. Dazu gehört, dass sich auch historisches Wissen mehr und mehr aus den Formaten und über die Wege des Internets generieren lässt und damit auch Holocaust und Nationalsozialismus als Narrative im Netz erzähl- und darstellbar werden. Die Sozialwissenschaftlerin Penny Carnaby benennt in diesem Sinn die junge Generation, die z.T. „Digital Natives“, der diese Eigenschaften obliegen und die keine eigenen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus hat, als „Delete-Generation“ (Carnaby 1995). Nach einer Art „Copy-and-Paste“-Methode erlebt diese Generation Geschichte nur in Ausschnitten und stets in gegenwärtige Themen und Zusammenhänge integriert. Durch ihre hohe Affinität zu digitalen Medien erfährt sie auch die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust verstärkt nicht durch analoge, historische Quellen, sondern durch sich permanent verändernde Versionen von Quellen und Geschichten. Passend ist dabei, dass digitale Medienangebote und dabei das Blog mit seinen medialen Eigenschaften im besonderen Maße, nicht nur auf das reine Konsumieren und Aneignen von Geschichtsnarrativen ausgerichtet sind, sondern Aktivität und Initiative vom Nutzer abverlangen. Die im Alltag vollzogene Veränderung der Kommunikationsstruktur wenn man hier diese beiden Fronten konstruieren möchte -, von der persönlichen, analogen Face-to-Face Kommunikation zu einer digital und virtuell angelegten Kommunikation über das Internet und die sozialen Netzwerke färbt auch auf die Nutzung historischer Quellen und die Bildung historischen Bewusstseins ab. Dies gilt auch für die erzählten Geschichten, denen sich besonders die Literaturwissenschaft in diesem Thema zuwendet. Waren es in der Vergangenheit noch die tradierten Geschichten der Augenzeugengeneration und ihrer Kinder, welche Erinnerungen kommunikativ, im Sinne sprachlicher oder textueller Überlieferung vermittelt haben, so wird Kommunikation und der Austausch von Erinnerungen und Erfahrungen heute vielfach über das Internet und die sozialen Netzwerke generiert, wodurch sich (Erinnerungs-)Gemeinschaften als „digitale Communities“ formieren können. Das „digitale Storytelling“ (Lundby 2008), welches sich besonders in der Blogstruktur als Adaption auf das „analoge“ Erzählen abbilden lässt, macht den Blogger zum postmodernen, neuen Geschichtenerzähler.

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Innerhalb dieser offenkundigen Entwicklungen sind kritische Stimmen zu vernehmen, die einen „medialen Relaunch“ des historischen „Supernarrativs“ Holocaust in offene Webformate wie das Blog in Frage stellen. Ich habe oben mit dem Beispiel Al Gaddafis schon darauf verwiesen, „dass die Gepflogenheiten der omnikommunikativen Gegenwart vor dem Tod nicht haltmachen“ (Heyer 2010). Mit der Übersetzung des Holocaust als Thema in eine unstete Netzkultur, lassen sich nicht zuletzt sprachliche, darstellerische und ästhetische „Verunglimpfungen“ als mögliche Konsequenzen und Gefahren markieren. Auch die Frage nach der Popularität neuer Medien und die damit einhergehende massenkulturell und gering wissenschaftliche und -hochkulturelle Konnotation ihrer Inhalte bleibt unter dem Fokus der „Repräsentationserlaubnis“ des Holocaust in massenkompatiblen Produkten der Popular Culture ein streitbares Thema (vgl. u.a. Paul 2010: 19f.). Dabei geht es nicht nur um die Frage nach dem zweifelhaften Unterhaltungswert solcher Thematisierungen, sondern auch darum, ob sich die Geschichte des Holocaust in z.B. Webblogs überhaupt angemessen repräsentieren, schreiben und lesen lässt und dadurch ein gewinnbringender Beitrag zur Erinnerungskultur und den historischen Wissenschaften erwartet werden kann.

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Einen Blog schreiben und lesen

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Wie schreibe und lese ich einen Blog und was genau macht die Medialität eines Blogs aus? Ich verzichte an dieser Stelle auf eine ausführliche Herleitung des Begriffs „Webblog“ und auf seine etymologische Definition ebenso wie auf die Erläuterung technischen Eigenschaften. Wichtig ist jedoch durchaus, einen Blick auf die spezifischen Schreib- und Leseweisen von Blogs zu richten, auch um zu beantworten, worin seine wissenschaftliche Bedeutung liegt. Die Nähe zum Medium Text wird bei Erzählungen im Internet besonders dort offensichtlich, wo wir es mit Hypertexten und weiteren schriftzentrierten Formen digitaler Medien wie der E-Mail, Twitter oder also dem Blog zu tun haben. Obwohl hier noch weitgehend chronologisch erzählt wird (bei Blogs ist die Reihenfolge der Beiträge eigentlich „umgekehrt chronologisch“) und die narrativen Erzählstrukturen deutlich zu verifizieren sind, sind auch Merkmale des Hypertextes erkennbar – eine der besonderen Eigenschaften digitalen Erzählens in Internetmedien. Elemente des Hypertextes sind vorwiegend auf Websites zu finden, die durch ihre Struktur zu Verlinkungen und Abschweifungen anleiten und keinen in sich geschlossenen Erzähl- oder Handlungsrahmen vorweisen. In Blogs wird diese hypertextuelle Struktur zum Beispiel durch die (Permanent-)Links und Blogrolls angezeigt. Auf Inhaltsebene entwickelt sich ein Erzählkontinuum nur im „Haupttext“ und nur dann, wenn sich das Blog als insofern weitgehend „literarisches Format“, also als Tagebuch o.ä. versteht und damit eine textuelle Struktur bewahrt. Diese wird jedoch durch die Möglichkeit des Kommentierens und die geteilten Autorschaften modifiziert, wie ich unten noch ausführen werde. Außerdem muss auch beim Blog wie bei anderen Medienformaten, wie zum Beispiel YouTube oder Facebook, der Inszenierungsgehalt mit berücksichtigt und, wie oben kurz erwähnt, für das Thema Holocaust kritisch betrachtet werden. Im Gegensatz zu primär informativ oder didaktisch orientierten Inhalten geht es bei personalisierten Blogs nicht in erster Linie um Aufklärung oder Wissenstransfer, sondern neben persönlichem Mitteilungsbedürfnis auch um Selbstinszenierung und Performance.

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Traditionelle Erzählungen basieren auf der Vorstellung einer produzierenden und rezipierenden Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft, die an einem kollektiven Gedächtnis partizipiert und dessen Inhalte sich in den Medien des kulturellen Gedächtnisses manifestieren. Diesen Medien ist gemein, dass sie als Speicher fungieren, der über Generationen und Epochen hinaus die Geschichtsnarrative bewahrt und durch gegenwärtige Rekonstruktionen und Anpassungen weiter vermittelt (u.a. Assmann, A. und J. 1988). Obwohl auch das Blog eine implizite Speicherform als Posts-Tabelle besitzt, meist geordnet als Archiv nach Jahreszahlen oder unter bestimmten Themenkomplexen, besitzt das Medium an sich keine expliziten Speichereigenschaften, die etwa mit denen der Literatur, dem Film oder der Fotografie korrespondieren. Das Webblog ist in seiner Materialität unbeständig und fluid, es ist wie alle Medien im Internet von einer ambivalenten Speicherfähigkeit geprägt: „Im Grunde ist das Internet ein Speichergedächtnis ohne Speicher“ (Assmann, A. 2004) beschreibt Aleida Assmann diese den neuen Medien inhärente Ambivalenz. Im Webblog stehen der Vorstellung von Speicher, Beständigkeit und Werk, temporäre Quellen, Spontanquellen und Versionen gegenüber, die zudem, dies werde ich nun weiter ausführen, aus ungeklärten Sprecherrollen und kaum verifizierbaren Quellen stammen.

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Das Blog ist sowohl aus literatur- als auch aus geschichtswissenschaftlicher Sicht kein „Werk“ im engeren Sinne. Durch die schnelle Veränderlichkeit und die hohe Taktung und Anzahl der Einträge bleibt die Gesamtstruktur des digitalen Textes „wenig zuverlässig und beständig“ (Assmann, A. 2004). Auch urheberrechtlich ist eine Werkhaftigkeit schon allein deshalb problematisch, weil die Frage nach der „Schöpfungshöhe“ bei überwiegend spontanen, intuitiven und skizzenhaften Blogeinträgen äußerst kontrovers ist. Anders als etwa bei Fotos kann der verfasste Blogtext nur schwer als geistig originäres und schützenswertes Eigentum zugeordnet werden. Außerdem wird das Blog oftmals nicht durch eine einzige Autorperson betrieben, sondern gewinnt seine Konstitution erst durch die Einschreibungen anderer Autoren, deren Anzahl und Herkunft größtmöglich und weitgehend unbekannt sein kann. Auch der auf diese Weise möglich werdende Kontakt zwischen dem Autor eines Blogs und seinem Leser beschreibt eine originäre Eigenschaft von Webblogs und entfernt sich damit vom Werk- und Quellenbegriff.

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Wie auch in vielen anderen Onlineformaten können in Blogs die Zuständigkeiten von Autor/ Produzent und Leser/ Konsument verschwimmen. Durch die interaktive Anlage des Blogs und der damit verbundenen Möglichkeit webbasierter Kommunikation ist es dem Benutzer möglich, nicht nur User oder Konsument zu sein, sondern gleichsam Inhalte durch ko-produzierende Einschübe selbst mitzugestalten und eigene Texte zu verfassen. Gleichzeitig nimmt der Nutzer selbst durch die Prozesshaftigkeit der digitalen Narration eine grundlegende Rolle als „dramatisch handelnde Person“ (Missomelius 2006) ein. Dabei wird nicht nur eine erhöhte Involvierung, Selbstbestimmtheit und Aktivität ermöglicht, es werden hierbei zuweilen auch die Rollen von Produzent und Konsument vertauscht, bzw. sie verschwimmen zu einer Person, dem „Prosumer“. „Schreibendes Lesen, lesendes Schreiben im Modus permanenter Revision der Inhalte wird dementsprechend zum Normalfall hypertextueller Kulturtechnik“ (Krameritsch 2010). Lesen und Schreiben im Online-Status akzentuieren nicht nur die Möglichkeit, an interaktiven Präsentationen teilzuhaben, sondern sich auch durch Partizipation in subjektive Produktionen anderer Nutzer aktiv einzuschreiben und dadurch verbindende (Erzähl-)Gemeinschaften zu erzeugen. Dabei ist bei Blogs entscheidend, dass diese Positionen nicht nur weitgehend willkürlich und variabel, sondern auch nicht ohne Weiteres geschützt und verifizierbar sind. Die Unbeständigkeit des Daten- und Textflusses lässt ungeklärte Sprecherpositionen und ungeschützte Autorschaften sowie die Gefahr des Missbrauchs möglich werden. Dabei liegt andererseits gerade in der relativen Offenheit auch der große Vorteil des Mediums, wenn es nämlich darum geht, den Rezipienten möglichst aktiv in die Auseinandersetzung, in die Kommunikation über ein bestimmtes, hier historisches, Thema einzubeziehen und damit auch auf die gegenwärtigen Kommunikationsprozesse der Gegenwart zu referieren. Die „Ausfransung von Autorschaft“ (Leggewie/ Meyer 2004) lässt ja nicht nur die Werk- und Quellengrenzen verschwimmen, sie ermöglicht gleichsam auch den kreativen und aktiven Einbezug anderer, globaler Internetnutzer. Zugleich entspricht die aktive Involvierung des Lesers bzw. Users am Sinngebungsprozess eines (hyper-)narrativen Mediums jenen modernen Autorenkonzepten von digitalen Erzählern, die sich im „virtuellen Schreiben“ abbilden und von denen oben schon die Rede war. Durch gruppen- und kulturspezifische Inhalte, die mit anderen Nutzern geteilt, ausgetauscht und weiter geschrieben werden, bleibt auch die Deutung der Vergangenheit nicht in der Hand eines Autors, einer Instanz oder Gruppe, sondern wird um ein Vielfaches geteilt, „gestreamt“ und damit auch der notwendigen Neukonnotation zur Verfügung gestellt.

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„In der Folge eines Umgangs mit dem kulturellen Gedächtnis des Internetarchivs verschieben sich gegenwärtig und zukünftig verstärkt Fragen der Korrektheit, des Originals, des Kontextes, der historiographisch-philologischen Redlichkeit und die Grenzen von Experten und Laien“ (Düllo 2011).

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Das Bestreben immer neue, immer schneller aufeinander folgende Informationen aufzunehmen, diese kurz zu reflektieren, zu bewerten, ggf. zu teilen und durch andere wieder zu überdecken, findet in den Erzählweisen des Internets seine Entsprechung: „kommentieren“, „liken“, „teilen“. Auch für die Aneignungsprozesse der erinnerungslosen Delete-Generation, die ich oben kurz skizziert habe, ist ein solcher Zugriff auf Informationen charakteristisch. Für die zukünftige Vermittlung des Holocaust ist es notwendig, seine Geschichte zu bewahren, aber zugleich auch seine Formen und Formate an gegenwärtige Bedingungen anzupassen. Die Möglichkeit, Inhalte durch Neu-Interpretationen und Veränderungen auch an Geschmäcker, Trends und Meinungsbilder anzupassen, ist im Internet und speziell im Blog besonders durch die Kommentar- und Bewertungsfunktion gegeben, die aber zugleich auch den Ausgangspunkt einer Quellenkritik ausmacht. Über die Kommentarfunktion, die in den meisten Blogs eingerichtet ist, schreibt sich der Leser in das Blog des Autors ein und kann es mit konstituieren, indem er möglicherweise Diskussionsforen initiiert, auf die andere Nutzer oder der Autor selbst reagiert. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein Metatext, sondern eine ganze Vielzahl von parallelen Erzählungen, die wiederum hypertextuell angeordnet und verlinkt sind. Einen besonderen Kommentar können die Nutzer von Internetseiten über den „Like-Button“ abgeben. Der Like-Button als „Social Plugins“-Erfindung von Facebook macht es durch einen einzigen Klick möglich, Zustimmung („I like“) zu einer bestimmten Seite oder einem Inhalt, Artikel oder Foto zu bekunden. Sofern dies mittlerweile reguläre Handhabe ist, werden „Likes“ auf Seiten historischen Inhalts bzw. explizit auf Formaten, die den Holocaust thematisieren, problematisch, denn was wird hier genau „geliked“? Wofür bekunden die Nutzer einer Seite ihr Gefallen? Geht es um den Inhalt, um die Diskussionsbeiträge oder um die Gesamtgestaltung der Seite bzw. des Blogs? Gefällt ihnen das Projekt an sich oder seine Intention als geschichtswissenschaftlicher oder geschichtsdidaktisches Format oder erkennen sie es gar nicht als ein solches Projekt und sind getrieben vom Selbstdarstellungszwang nur auf der Suche nach möglichst vielen neuen „Reviermarkierungen“ im Netz? Diese Fragen sind kaum aufzulösen, da die Likes derart inflationär verwendet werden, dass im Grunde keine Evaluation solcher „Spontanquellen“ für Reflektionsleistungen, Empathie oder weitere Intentionen getroffen werden kann. Die Frage, die sich für meinen Kontext hier als bedeutsam herausstellt, ist nicht primär die nach subjektiven Bekundungen, welche sich per se der objektiven, zumal wissenschaftlichen, Erkenntnis entziehen, sondern nach der tatsächlich auswertbaren Quellenbedeutung des Blogtextes und der Kommentare. Von dem Medium Blog als strukturgebend zu betrachten, für die Möglichkeit der Wissenschaftlichkeit jedoch problematisch, ist die Spontanität dieser Bekundungen, Kommentare, Likes etc. Fundierte Wissenschaftlichkeit und historische Quellenkunde ist stets an eine gewisse Elaboriertheit, Dauer und Beständigkeit gebunden. Für Spontanquellen und Blogeinträge können jedoch weder Herkunft noch Entstehungskontext tatsächlich eindeutig bestimmt werden. Durch die Möglichkeit der Anonymität von Autoren sind Quellenkritik und narratologische Interpretation problematisch, da sie nicht an einem natürlichen Autor gebunden erfolgen können. Nicht zuletzt ist mit der Fragwürdigkeit des Kontextes auch problematisch, eine Fragestellung zu finden, unter der sich die Blogeinträge untersuchen lassen. Was wollen wir von einem geschichtswissenschaftlichen Blog erfahren, was wir nicht aus anderen Medien und Dokumenten kennen? Hier scheint ein entscheidender Punkt der mangelnden Akzeptanz von Webblogs zu liegen. Um die Qualität des Blogs zu beurteilen, muss eine qualifizierte Fragestellung gefunden werden: Was erwarte ich von diesem Text, dieser Quelle, welche Ziele verfolgen die neuen digitalen Geschichtenerzähler?

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Fazit

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Mir erscheint es weder möglich noch sinnvoll, personalisierte Blogeinträge als genuin historische bzw. wissenschaftliche Quellen zu vereinnahmen und ihnen dadurch einen gesonderten wissenschaftlichen Nutzen zu unterstellen. Auch gibt es bislang keine ausreichende Methodik, welche die Spontanquellen, die Likes etc. wissenschaftlich auszuwerten vermag, weder auf Seiten der Literatur- noch der Geschichtswissenschaft. Ebenso sind die Wege zu einem Blog oder auf andere Seiten im Internet nicht wissenschaftlich auswertbar. Wer einen bestimmten Blog liest oder auch ein bestimmtes Video auf YouTube sieht, kann kaum zufällig darauf gestoßen sein, sondern wird entweder konkrete Stichworte in Suchmaschinen geladen oder explizite Kenntnis über das Format besitzen.

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Jedes Individuum ist im Zeitalter von Facebook und Co. in der Lage, private und historische Narrative zu kreieren, mit ihnen „virtuelle Mitstreiter“ anzuwerben und damit eine Erinnerungsgemeinschaft zu fingieren (vgl. Kantsteiner 2009). Diese neuen virtuellen Erinnerungsgemeinschaften wählen im Netz auch ihre „Geschichtsversionen“, gruppieren sich um diese herum und gehen damit eine „freiwillige Mitgliedschaft“ auch zu bestimmten Erinnerungsangeboten bzw. historischen Inhalten ein. Mit der Nutzung eines Webblogs, dem Following von Bloggern, dem Posten und Kommentieren, durch die eigene Aktivität und die Verlinkung mit anderen werden neuartige „communication settings“ (Giltrow/ Stein 2009) aufgestellt, Gruppen gebildet sowie auch historisches Wissen geteilt und verbreitet – jedoch eher „en passant“. Im Vordergrund der Nutzung eines Blogs und damit auch im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen die Ausweitung der Kommunikation von historischen Themen und die Implementierung in neue Zustände und Gegebenheiten der Gegenwart und ihrer Akteure. Was also ist bedenklich, moralisch und ethisch anstößig daran, Themen der Vergangenheit, sensible Themen und historische Geschichten nebenbei in den digitalen Wirkungsbereich zu implementieren und geht es nicht gerade darum, historische Narrative je an die erforderlichen Bedingungen und Gegebenheiten der Gegenwart und ihrer Akteure anzupassen?

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Betrachten wir geschichtswissenschaftliche Blogs als eine hybride und wandelbare Erzählung, wird damit die Möglichkeit gegeben, die personalisierten Geschichten der Autoren nicht nur in den (halb-)öffentlichen Raum zu übersetzen, sondern Anschlussdiskussionen in der Community zu erzielen und so in einem „kollektiven Schreibprozess transnationaler Usergruppen“ (Dornik 2010) weiterzuschreiben und weiterzuerzählen. Unter diesen Bedingungen korrespondiert die Herausbildung von Geschichtsnarrativen und „Wirklichkeitserzählungen im Internet“ (Tophinke 2009) auch mit den neuen Möglichkeiten der Aneignung und Partizipation, von denen hier die Rede war. Durch die interaktiven Möglichkeiten können Geschichte(n), Erinnerungen und Zeitdokumente in immer aktuelle Zusammenhänge gestellt werden und zugleich neue Erzähl- und Erfahrungsgemeinschaften ausbilden. Wichtig zu sein scheint auch hier, wie bei der mir wichtigen interdisziplinären Herangehensweise, den Blick auf die Vielfalt der Möglichkeiten zu erweitern und nicht auf die mögliche Problematik eines Gegenstands zu verengen.

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Der Bedeutungsgewinn des Blogs für die Geschichtswissenschaften und angrenzende Disziplinen, die sich mit der Bewahrung und Vermittlung von Holocaust und Nationalsozialismus beschäftigen, ist somit nach meinem Dafürhalten eher einer auf den zweiten Blick bzw. einer im übertragenen Sinne. Da hier kein wissenschaftlicher Anspruch auf neue Faktenlage gestellt wird, besteht der Nutzen des Mediums in der Ausweitung seiner Diskursfähigkeit in öffentliche und spontan zugängliche Segmente. In Anbetracht unserer veränderten Kultur-, Medien- und Kommunikationsgegenwart und in Korrespondenz zu den sozial-gesellschaftlichen und medialen Prozessen erscheinen mir Blogs Desweiteren als geradezu „folgerichtige“ Entwicklungsstufe, auch für Vergangenheitsthemen. Für die Delete-Generation bilden sich so immer wieder neue Versionen von Quellen und anstelle der Archivierung und Speicherung einer verbindlichen „Master-Version“ partizipieren sie an verschiedenen Geschichten und produzieren zugleich selbst virulente Spontanquellen. Dass sie dabei nicht zuletzt auch Entertainment und Selbstinszenierung betreiben, muss zwar kritisch betrachtet werden, steht aber, wenn man die zugrunde liegende Forschungsfrage entsprechend stellt, nicht im Kontrast zur Kernkompetenz von Blogs.

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Literatur

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Assmann, Aleida; Zur Mediengeschichte des kulturellen Gedächtnisses, in: Erll, Astrid/ Nünning, Ansgar (Hrsg.): Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität – Historizität – Kulturspezifität. Berlin 2004, S. 45-61.

23 0

Assmann, Aleida und Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Assmann, Jan/ Hölscher, Tonio (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt/ Main 1988, S. 9-20.

24 0

Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1997.

25 0

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