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“Open Peer Review” scheint mir nicht nur “zu hoch gegriffen”, sondern das Gegenteil der Praxis auf hypotheses zu sein. Was genau ist “open”? herzlich, j.

    Post-Publication Open Peer Review müsste es wohl heissen, nach dem Motto: publish first, comment/filter later. Das passt eigentlich ganz gut, denn jeder kann veröffentlichen was er/sie will. Über Kommentare idealerweise von Peers, erfolgt dann ein Review. Das meine ich mit “Offen” in diesem Zusammenhang.

Hier wäre eine detailliertere Statistik interessant: Newton Key schreibt in seinem Beitrag davon, dass die meisten Blogs, die er untersuchte, eine durchschnittliche Lebensdauer von zwei Jahren haben. Das entspricht den Aussagen anderer Blogforschung. Wie ist das by hypothese.org?

Man darf gespannt sein, wie es sich weiterentwickelt. Es wäre interessant zu sehen, wie und ob die Blogs untereinander Kommunizieren – damit sind wir wieder beim Beitrag Burns/Burgess!?

Für die Buch-Publikation bitte überlegen, ob die folgende Beschreibung der Blogs – mit den notwendigen links – besser in Form einer annotierten Blog-Liste dargestellt wäre. (merci!)

Gibt es eigentlich bei hypotheses einen Kodex, welche “netiquette” einzuhalten ist? Siehe: http://historyblogosphere.oldenbourg-verlag.de/open-peer-review/schreiner/#comment-1-170

Das sind eindrückliche Zahlen! Aber mir ist die Arithmetik nicht ganz klar: Heißt das, dass die anderen 16 (von 44) Blogs keine – oder nur einen? – Beitrag/Beiträge veröffentlicht haben?
Worauf bezieht sich die Zahl von 18 Administratorinnen und 19 Administratoren? Bzw.: was ist mit den anderen 7 (wiederum gerechnet auf 44) Blogs?

    Manche AdministratorInnen haben mehrere Blogs, daher ist die Gesamtsumme der männlichen und weiblichen Admins insgesamt nicht 44.
    Von den angemeldeten Blogs haben noch nicht alle Beiträge veröffentlicht. Zwischen Anmeldung und erster Publikation vergehen manchmal Tage oder Wochen. Zwischenzeitlich haben sich die Zahlen natürlich wieder verändert…

Das dürfte (es handelt sich hier allerdings um eine reine Vermutung ) ein statistischer Effekt sein, da hier -anders als bei den Lesern – die Kommentare anteilsmäßig auf die Beiträge umgerechnet wurden. Mit zunehmender Zahl der Beiträge sinkt klar die durchschnittliche Anzahl der Kommentare. Das heißt, die Zahlen könnten sich auch durch eine Zunahme häufigerer Beiträge pro Blog erklären lassen.

Das Bild ist überhaupt nicht lesbar und erscheint sinn-los

Gibt es auch Genderzahlen für die französische Version?

Wie steht es mit mehrsprachigen Blogs?

    Es gibt mehrsprachige Blogs, aber wir raten immer zu einsprachigen Blogs, wegen der Suchmaschinenoptimierung. Wer mehrsprachig bloggen will, ist mit zwei Blogs besser dran.

Vielleicht wird hier auch zu schnell davon ausgegangen, dass es sich immer um Blogs handelt: manchmal sind es auch “nur” Veranstaltungskalender von Recherches d’unité. In dem Fall ist es normal dass keine Kommentare abgegeben werden.

Gibt es verlässliche Zahlen für andere europäische Länder? Ich habe nicht das Gefühl dass in Spanien, Benelux oder Polen das Bloggen unter Geisteswissenschaftler besonders verbreitet ist.

Diese Entwicklung dürfte mit dem Aufstieg der kommerziellen sozialen Netzwerke zu tun haben. Ein Teil der Kommentare dürfte schlicht dort zu finden sein.

Mareike König: Die Entdeckung der vernetzten Vielfalt: Geschichtsblogs auf der internationalen Plattform hypotheses.org

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Gemeinhin gilt der deutschsprachige Raum als Entwicklungsland, wenn es um Blogs in den Geisteswissenschaften geht. Laut einer Studie nutzen in Deutschland nur etwa 8% der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Blogs, wobei Nutzen das Schreiben von Blogbeiträgen, das Lesen wie auch das Kommentieren umfasst (Bader/Fritz/Goning 2012). Dass die Nutzungszahlen in anderen Ländern höher sind, könnte unter anderem am Vorhandensein einer Infrastruktur liegen, wie sie beispielsweise Blogportale darstellen. Seit März 2012 wird mit dem Aufbau des deutschsprachigen Blogportals de.hypotheses.org (http://de.hypotheses.org/) das wissenschaftliche Bloggen auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz gefördert. Das Portal vereint deutschsprachige geistes- und sozialwissenschaftliche Blogs unter einem Dach, sorgt über diesen zentralen Zugang für mehr Sichtbarkeit, gibt den Bloggenden technische Hilfestellung und leistet die Archivierung der Beiträge. Es gehört zur europäischen Plattform hypotheses.org, deren Geschichtsblogs im Mittelpunkt dieses Beitrages stehen. Auf zwei Dinge sei vorweg hingewiesen: Zum einen bin ich als Projektleiterin des deutschsprachigen Portals keine neutrale Beobachterin, aber eine gut informierte. Zum anderen soll mit der inhaltlichen Beschränkung auf die Plattform nicht suggeriert werden, dass es nur dort eine lebendige Geschichtsblogosphäre gibt.

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Im ersten Teil des Artikels werden zunächst die Blogplattform und ihr Angebot für die akademische Community vorgestellt. Daran anschließend wird in einem zweiten Teil ein knapper Überblick über die dort versammelten Geschichtsblogs gegeben. Diese kurze Blogroll offenbart eine thematische und methodische Vielfältigkeit und Lebendigkeit, die vielfach unbekannt sein dürfte. Die Zugehörigkeit zur „Galaxie“ von Hypotheses und deren Effekte werden im dritten Teil thematisiert: Durch die Vernetzung der Blogs innerhalb und außerhalb der Plattform über Links, Kommentare und Besuche bildet sich eine eigene „Hyposphäre“ (Wortschöpfung von Marin Dacos aus Blogosphäre und Hypotheses). Die Bloggenden erschaffen damit reflexive Räume, die durch „stille Konversation“ (Dacos 2009; Dacos/Mounier 2010) genauso geprägt werden wie durch „unerwartete Leser“ (Smith 2011; Berra 2012). Beides erweitert unser bisheriges, oftmals rein statistisch geprägtes Verständnis von Erfolg oder Misserfolg von Blogs um eine weitere Komponente. Ganz nebenbei gibt diese Bestandsaufnahme Aufschluss über die Frage, warum Historikerinnen und Historiker bloggen.

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Hypotheses.org: eine Erfolgsstory

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Das Blogportal hypotheses.org ist 2008 als dritter Pfeiler der Plattform für offenes elektronisches Publizieren OpenEdition an den Start gegangen. Aktuelle Berichte aus der Forschung sollten die beiden bereits existierenden Pfeiler ergänzen: „revues.org“ mit Volltexten von online-Journalen und „calenda.org“ ein Kalender, der Termine der Geistes- und Sozialwissenschaften (Kolloquien, Call for papers etc.) enthält. Träger der Plattform sind neben dem CNRS, die Pariser Universität EHESS, die Université d‘Avignon sowie die Université Aix-Marseille. Um potentielle Interessenten nicht abzuschrecken, nannte man die Blogs „carnets de recherche“, was man mit „Forschungsjournale“ oder „Forschungshefte“ übersetzen kann. Dies schien – zumal 2008 – weitaus weniger anrüchig als das Wort „Blog“, haftet(e) diesem doch das Bild an, ein Medium zu sein, in dem sich Privatpersonen über Belanglosigkeiten des Alltags austauschen. Die Strategie ging auf: Nach und nach meldeten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, die ein öffentliches Forschungsjournal bei hypotheses.org führen wollten. Wie aus Abbildung 1 hervorgeht, entstand eine regelrechte Dynamik und in den ersten vier Jahren verdoppelte sich jedes Jahr die Anzahl der Neuanmeldungen. Für das Jahr 2012 gibt es mit 332 Neuanmeldungen bis Ende September ebenfalls bereits mehr Neuanmeldungen als im Vorjahr insgesamt. Die Grundfrage all derjenigen, die Infrastrukturen bauen, „if you build it, will they come?“ (RIN 2010), kann im Fall von hypotheses.org mit einem klaren „Ja“ beantwortet werden. Die gesamte Plattform hat mit Stand Anfang Oktober 2012 über 500 Blogs aus allen Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Täglich kommt durchschnittlich ein weiteres Blog dazu.

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Abbildung 1: Entwicklung der Neuanmeldungen von Blogs bei hypothesesorg seit 2008

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Die „carnetiers“, wie die Bloggenden bei hypotheses.org heißen, publizieren derzeit im Durchschnitt 55 Artikel am Tag. Im Vorjahr waren es 34 Blogbeiträge, 2010 waren es 20 Beiträge pro Tag. Die Blogs haben insgesamt durchschnittlich 5.980 unterschiedliche Besucher (unique user) täglich, was einem monatlichen Zugriff von 179.395 unterschiedlichen Besuchern auf das Blogportal entspricht. Im Vorjahr waren es 104.931 im Monat und 3.498 unique user am Tag.

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Abbildung 2: Anzahl der unique user pro Monat auf hypotheses.org in den Jahren 2011 und 2012

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Es wird mehr gebloggt und es wird mehr gelesen. Aber wird auch mehr kommentiert? Hier fällt die Antwort nicht so eindeutig aus: Zunächst sind die Zahlen wie in Abbildung drei zu sehen ansteigend: Im Jahr 2008 erhielt jeder vierte Beitrag durchschnittlich einen Kommentar, im Jahr 2009 wurde jeder dritte Beitrag kommentiert, 2010 dann jeder zweite Beitrag. Im Jahr 2011 ist die Anzahl der genehmigten Kommentare jedoch leicht rückgängig, so dass aufgrund der fast verdoppelten Artikelanzahl im Durchschnitt nur noch jeder vierte Beitrag kommentiert wurde. Eine Erklärung dafür ist schwierig: Die Weboberfläche wurde nicht verändert, d.h. es ist nicht komplizierter geworden, zu kommentieren. Liegt es an den neu dazugekommenen Blogs, die stärker akademisch und weniger diskursiv ausgerichtet sind? Hier fehlen uns Untersuchungen, die das Kommentar- und Publikationsverhalten analysieren. Die bisherigen Zahlen für das Jahr 2012 lassen wieder einen Anstieg bei den Kommentaren erkennen: Jeder dritte Beitrag erhält bisher durchschnittlich einen Kommentar. Da die Zahlen nur für vier Jahre vollständig vorliegen, ist eine Schlussfolgerung noch zu früh. Doch zeichnet sich ab, dass sich die Anzahl der Kommentare nicht exponentiell nach oben entwickelt, wie es bei der Anzahl der Blogbeiträge der Fall ist.

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Abbildung 3: Anzahl der veröffentlichten Artikel und genehmigten Kommentare bei de.hypotheses.org seit 2008

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In ihrer Gesamtheit belegen diese Zahlen eindrucksvoll, dass es ein Bedürfnis nach direkter, vernetzter und schneller Kommunikation im Bereich der Geisteswissenschaften gibt, dem das Blogportal Rechnung tragen kann. Denn Struktur und editorische Leitlinie des Portals entkräften einige derzeit bestehende Vorurteile gegenüber dem Wissenschaftsbloggen. In der eingangs zitierten Studie „Digitale Wissenschaftskommunikation 2010–2011“ wird von 72% der Befragten als Hauptgrund für die Nichtnutzung von Blogs die Unübersichtlichkeit der Blogosphäre angegeben. Das vermeintliche Chaos wirkt demotivierend und abschreckend (Bader/Fritz/Glining 2011, S. 72). Genau hier setzt die Idee von hypotheses.org an: Das Portal versteht sich als zentrale Einstiegsseite für geisteswissenschaftliche Blogs, versammelt diese unter einem gemeinsamen Dach und stärkt damit die Sichtbarkeit der Blogs. Als ein Knotenpunkt im Netz trägt es dazu bei, Wissenschaftsblogs leichter auffindbar zu machen.

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Weitere Gründe für die Nichtnutzung von Blogs in der Wissenschaft sind neben Zeitmangel, Informationsüberflutung und Angst vor Plagiaten die fehlende Qualitätskontrolle. Bei hypotheses.org wird keine Qualitätskontrolle im eigentlichen Sinne betrieben. Doch werden nur Blogs der akademischen Community der Geistes- und Sozialwissenschaften aufgenommen, so dass mit einem gewissen Standard – vorsichtig ausgedrückt – zu rechnen sein sollte. Darüber hinaus werden die besten Beiträge der Plattform von der Redaktion für die Portalseite ausgewählt. Dieses Kuratieren der Inhalte für die Startseite kann als Post-Publikationsbewertung gesehen werden, für das die Bezeichnung Open Peer Review natürlich zu hoch gegriffen ist. Es gibt keine systematische Beurteilung anhand von Kommentaren durch die Redaktion, die Beiträge werden nicht zentral redigiert. Ist das Blog einmal aufgenommen, profitieren die Bloggenden von der größtmöglichen Freiheit, die das Medium ihnen bietet. Ganz im Sinne des „Publish first, filter later“ (Shirky 2008), wird das Auswählen für die Startseite von hypotheses durch die Redaktion als eine Form des Filterns angesehen. Dabei verläuft die Auswahl zweistufig: Neben der Publikation auf der Startseite werden in einer Slideshow oben auf der Portalstartseite Beiträge platziert, die von der Redaktion für besonders gut befunden wurden. Eine große Abbildung verleiht ihnen zusätzlich Aufmerksamkeit. Autorinnen und Autoren werden über diese Sichtbarmachung ihrer Beiträge durch einen Kommentar beim ausgewählten Beitrag informiert. Es ist eine Auszeichnung, für die Slideshow ausgewählt zu werden, und viele Bloggende berichten ihrer Leserschaft in den sozialen Netzen darüber. Ergänzende Auswahlsysteme sind in Planung, so dass zukünftig auch die Leserschaft über die Publikation von Beiträgen auf der Startseite von hypotheses.org abstimmen kann.
Dem Argument, dass Bloginhalte einen flüchtigen Charakter haben und nicht zitierfähig sind, setzt hypotheses.org die Archivierung der auf den Blogs publizierten Inhalte entgegen. Zur besseren Zitierbarkeit der Beiträge gibt es keine sprechenden Titel für einzelne Blogbeiträge, sondern kurze Zahlen als feste URL-Adressen. Dies ist insbesondere beim Zitieren in gedruckten Publikationen von Vorteil, da man nicht gezwungen ist, mehrzeilige URLs abzutippen. Die in Frankreich ansässigen Blogs der Plattform bekommen von der französischen Nationalbibliothek eine ISSN verliehen, die Zitierbarkeit und Sichtbarkeit erhöhen (Muscinesi 2011). Derzeit wird mit der Deutschen Nationalbibliothek verhandelt, um auch für die in Deutschland betriebenen Blogs eine ISSN-Nummer zu erhalten.

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Mit dem Aufsetzen und Hosting der Blogs sowie mit Schulungen und Hilfestellungen per Mail leistet das Portal außerdem wichtige technische Dienste für diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zwar über Blogs kommunizieren möchten, sich aber nicht bis ins Detail mit der technischen Seite auseinandersetzen wollen oder können. Darüber hinaus wird für die Sichtbarmachung der Beiträge in den Social-Media-Kanälen der Plattform gesorgt. Auch die Migration bereits bestehender Blogs gehört zum Angebot von hypotheses.org, das im Übrigen kostenlos ist.

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Die deutschsprachige Seite de.hypotheses.org (http://de.hypotheses.org/) ist im März 2012 nach französischem Vorbild aus der Taufe gehoben worden. Sie wird gemeinsam vom Deutschen Historischen Institut Paris, der Max Weber Stiftung und den genannten französischen Partnern finanziell getragen. Sie hat einen eigenen wissenschaftlichen Beirat sowie eine eigene wissenschaftliche Redaktion. Fast gleichzeitig entstand auch das spanischsprachige Portal es.hypotheses.org (http://es.hypotheses.org). Für die französischsprachigen „carnets“ wurde mit fr.hypotheses.org (http://fr.hypotheses.org) ebenso eine eigene Einstiegsseite geschaffen. Ein italienisches Portal ist im Aufbau und weitere Sprachportale sind geplant. Die Website hypotheses.org (http://hypotheses.org/) selbst ist das Hauptportal für alle Blogs geworden. Dort werden die jeweils besten Beiträge aus allen Sprachen veröffentlicht.

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Für den deutschsprachigen Bereich der Blogplattform wird ebenfalls die Dynamik sichtbar, die das Blogportal erzeugt. Nur sieben Monate nach dem offiziellen Start, zu dem es elf Blogs gab, sind 44 Blogs bei de.hypotheses.org versammelt (Stand: 4.10.2012). Sechs davon existierten bereits und wurden zur Blogplattform migriert, die anderen sind Neugründungen. 28 der Blogs wurden mittlerweile in den Katalog von OpenEdition aufgenommen, d.h. sie sind aktiv und haben mehrere Beiträge veröffentlicht. Von Januar bis einschließlich September 2012 wurden von den deutschsprachigen Blogs insgesamt 544 Beiträge publiziert. Das macht durchschnittlich zwei Beiträge am Tag. Insgesamt sind 106 deutschsprachige Bloggende auf der Plattform aktiv. Erfreulich ist, dass die Genderstatistik mit 18 Administratorinnen zu 19 Administratoren auf der deutschsprachigen Plattform quasi ausgeglichen ist.

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Obwohl das deutschsprachige Unterportal erst seit kurzem am Start ist, zeichnet sich bereits eine Professionalisierung und Ausdifferenzierung der historischen Blogosphäre ab, die nicht ohne Auswirkung auf das Image von wissenschaftlichen Blogs im deutschsprachigen Raum allgemein bleiben wird. Während hiesige Geschichtsblogs wie beispielsweise Archivalia (http://archiv.twoday.net/) oder hist.net (http://weblog.hist.net/), zumeist auch einen methodischen Ansatz mitverfolgen und sich allgemein für digitale Fragen der Disziplin interessierten, entstehen jetzt mehr und mehr thematisch eng geführte Forschungsblogs, also Dissertationsblogs oder Themenblogs von Forschergruppen (Graf/König 2013). Dies trifft auf 24 der bisher 44 bei de.hypotheses angemeldeten Blogs zu. Sechs Blogs begleiten eine Veranstaltung, drei begleiten ein Seminar. Zwei sind Institutsblogs, ein Blog begleitet eine Veröffentlichung. Neun der Blogs werden als Gruppenblog geführt, davon steht bei zwei die Gruppe und nicht das Thema im Vordergrund, z.B. beim Blog Netz+Werk, auf dem Hamburger Doktoranden der Geschichtswissenschaft rund um ihre jeweiligen Dissertationsthemen bloggen (http://netzwerk.hypotheses.org/).

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Geschichtshyposphäre

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Mit Stand Anfang Oktober 2012 sind von den 527 Blogs der gesamten Plattform, die bereits in den Katalog aufgenommen worden sind (d.h. aktiv sind), 124 der Geschichte gewidmet. Davon publizieren 14 in deutscher Sprache. Die Einteilung anhand des französischen Kategoriensystems gibt eine grobe Gesamteinschätzung über die thematische Zuordnung der Geschichtshyposphäre. Die Einteilung wird von den Bloggenden selbst bei Anmeldung des Blogs vorgenommen. Da ein Blog mehreren Kategorien zugeordnet werden kann, übersteigt die Addition der realen Zahlen die angegebene Gesamtzahl aller Geschichtsblogs.

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Abbildung 4: Thematische Zuordnung der Geschichtsblogs bei hypotheses.org

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Ebenso interessant ist die chronologische Zuordnung der Blogs. Demnach sind mit 41 von insgesamt 132 Blogs ein Drittel dem 20. Jahrhundert gewidmet. Insgesamt 28 Blogs entfallen auf die Ur- und Frühgeschichte sowie die Antike, 20 auf das Mittelalter und 26 auf die Frühe Neuzeit inklusive Revolutionszeit. Der Bereich „prospektivische Blogs“ enthält überwiegend epochenübergreifende sowie institutsbezogene Blogs.

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Abbildung 5: Chronologische Zuordnung der Geschichtsblogs bei hypotheses.org

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In einer kurzen Blogroll seien einige dieser Blogs – in einer natürlich subjektiven Auswahl – anhand ihrer chronologischen Einordnung aufgezählt. Aufgrund der zahlreichen Neuanmeldungen ist eine solche Übersicht schnell überholt. Sie vermittelt jedoch einen guten Eindruck über den bunten Blog-Carnival, der auch an anderer Stelle und ohne Beschränkung auf die hier thematisierte Plattform beschrieben ist (Graf/König 2013; Graf/König 2011; König 2011). Der Katalog von hypotheses.org spiegelt den aktuellen Stand der aktiven Blogs wieder und kann jederzeit als vollständiges Nachweisinstrument dienen.

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Im Bereich der in Frankreich besonders beliebten archäologischen Blogs ist das Blog „ARULA“ der Université Lorraine zu nennen (http://arula.hypotheses.org/). Auf deutscher Seite gibt es das Blog „archäologiedigitale“ (http://archdigi.hypotheses.org/) sowie minuseinsebene (http://minuseinsebene.hypotheses.org/). Das Institut français du Proche-Orient bloggt über seine aktuellen Forschungsprojekte (http://ifpo.hypotheses.org/). Das Blog „Philologie à venir“ ist den Änderungen gewidmet, die der Einsatz des Computers bei der Analyse griechischer und lateinischer Texte für die Philologie allgemein und Texteditionen im Besonderen entstehen. In eine ähnliche Richtung geht das englischsprachige Blog „Charade“, das digitale Werkzeuge und die Interpretation von textuellen Artefakten thematisiert, wie sie beispielsweise die Papyrologie betreibt (http://charades.hypotheses.org/). Das Blog „Ecobabylone“ ist ein noch junges Forschungsblog zur Wirtschaftsgeschichte Mesopotamiens (http://ecobabylone.hypotheses.org/).

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Bei den Blogs, die der mittelalterlichen Geschichte zugeordnet sind, sei das Blog „Ordensgeschichte“ genannt, ein interdisziplinäres Gemeinschaftsblog zur Geschichte von Klöstern und Orden (http://ordensgeschichte.hypotheses.org/). „Laetus diaconus“ ist ein französischsprachiges Blog, das sich als Ort des interdisziplinären Austausches über Praktiken des Schreibens und des Sehens im Mittelalter versteht (http://laetusdiaconus.hypotheses.org/). Ein weiteres Gemeinschaftsblog ist das englischsprachige „Black Death Network“ über Umweltkrisen und Krankheiten im Europa des 14. Jahrhunderts (http://bldeathnet.hypotheses.org/). Erwähnt sei auch das Blog „Les émotions au Moyen Âge“, das seit 2006 besteht und ein Forschungsprojekt über Gefühle im Mittelalter begleitet (http://emma.hypotheses.org/).

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In der Frühen Neuzeit wird die Blogroll von „Crimino corpus“ angeführt, ein Blog zur Justiz- Kriminalitäts- und Strafgeschichte, das seit 2006 existiert (http://criminocorpus.hypotheses.org/). Das Blog „Ad vivum“ ist den alten Druckgraphiken und Zeichnungen im Bestand der Bibliothèque nationale de France gewidmet und wird von der dortigen Abteilung gemeinschaftlich geführt (http://estampe.hypotheses.org/). Die auf dem Blog publizierten Abbildungen stehen zumeist unter einer Creative Commons Lizenz CC-BY-SA, die die Nachnutzung unter bestimmten Auflagen ermöglicht. Zur Französischen Revolution gibt es das Blog der Société des Études Robespierristes, die auch die Annales historiques de la Révolution francaise herausgibt (http://ser.hypotheses.org/). Das „Frühneuzeitblog der RWTH Aachen“ (http://frueheneuzeit.hypotheses.org/) sei genannt ebenso wie die Dissertationsblogs „Altgläubige in der Reformation: über die Entstehung katholischer Zugehörigkeiten im Alten Reich und Frankreich (1517-1540) (http://catholiccultures.hypotheses.org/) sowie „Astrologie in der Frühen Neuzeit“ (http://astrologiefnz.hypotheses.org/). Das englischsprachige Blog „Digital Intellectuals“ begleitet die Entstehung der Online-Edition „Das intellektuelle Berlin um 1800“ (http://digitalintellectuals.hypotheses.org/).

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Für das 19. Jahrhundert sei auf das Blog „Actualité du XIXe siècle“ verwiesen, das von derselben Société betrieben wird, die auch die Zeitschrift Revue d’histoire du XIXe siècle herausgibt (http://histoire19.hypotheses.org/), auf „Corruption politique“, ein Blog über die Geschichte der politischen Korruption im 19./20. Jahrhundert (http://pock.hypotheses.org/) und auf Telemme-Migrations, ein Blog über Migration und Zirkulation im Mittelmeerraum im 19./20. Jahrhundert (http://telemmig.hypotheses.org/).

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Eine Auswahl für das 20. Jahrhundert zu treffen, ist aufgrund der Fülle an Blogs am schwierigsten. Für die hier geforderte kurze Blogroll seien „Russie contemporaine“ genannt, ein Blog über Politik und Geschichte, Quellen und Dokumentationen des zeitgenössischen Russlands (http://russie.hypotheses.org/), und „Dissidences“ (http://dissidences.hypotheses.org/), ein Blog das die gleichnamige Zeitschrift über revolutionäre Bewegungen und Dissidenten begleitet. Speziell für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wird auf das deutschsprachige Forschungsblog „Grande Guerre“ zur Kulturgeschichte der Vorkriegszeit des Ersten Weltkriegs (http://grandeguerre.hypotheses.org/) sowie auf das Blog über Fotoglasplatten von Geographen (http://geophoto.hypotheses.org/) verwiesen. Bei den zeitgeschichtlichen Blogs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden so unterschiedliche Themen behandelt wie die neueste Geschichte Algeriens im Blog „Texture du Temps“ (http://texturesdutemps.hypotheses.org/), die soziale und kulturelle Geschichte der französischen Armee in der Dekolonialisierung im Blog „D’une guerre à l’autre“ (http://guerrealautre.hypotheses.org/), „Mémoires d’Indochine“ (http://indomemoires.hypotheses.org/), Erinnerungspraktiken in Skandinavien (http://umstrittenesgedaechtnis.hypotheses.org/), Nordeuropäische Geschichte im Netz (http://nordichistoryblog.hypotheses.org/), über das Exil und seine Form der Immaterialität (http://nle.hypotheses.org/), Holocaust Websites (http://holocaustwebsites.hypotheses.org/), „Historical Source Criticism“ über historische Quellenkritik im Digitalen Zeitalter (http://hsc.hypotheses.org/) und die Geschichte des Pop im Blog „Pophistory“ (http://pophistory.hypotheses.org/).
Verschiedene Forschungseinrichtungen unterhalten ein Blog, wie beispielsweise das Comité pour l’histoire du CNRS (http://comihistocnrs.hypotheses.org/), das Blog der Instituts d’Études politiques (http://histoireeniep.hypotheses.org/), das Blog der International Association of Contemporary History of Europe (http://aihce.hypotheses.org/), das Blog „Digital Humanities am DHIP“ (http://dhdhi.hypotheses.org/) des Deutschen Historischen Instituts Paris oder auch das [gab_log] der Max Weber Stiftung über Geisteswissenschaft als Beruf (http://gab.hypotheses.org/).

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Zu den methodischen Blogs gehören Historisch Denken / Geschichte machen (http://historischdenken.hypotheses.org/) über Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht, das interdisziplinäre Blog für Doktoranden „Les aspects concrets de la thèse“ (http://act.hypotheses.org/) mit praktischen Hinweisen rund um die Promotion sowie ein Blog für alle angehenden Historikerinnen und Historiker „Devenir historien-ne“ (http://devhist.hypotheses.org/). Ende der Blogroll.

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Reflexive Räume, stille Konversation und unerwartete Leser

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Blogs produzieren einen „fachwissenschaftlich relevanten Informationsraum“ (Haber 2011, S. 125), der sich auch visuell darstellen lässt. Dabei wird die lebendige und bewegliche Struktur dieses speziellen Ökosystems deutlich. Die Vernetzung der Blogs untereinander kann beispielsweise anhand von Links und Kommentaren festgestellt werden. Für die Hyposphäre wurde dies 2010 exemplarisch durchgeführt (Debaz 2010). Ein Jahr später wurde eine ähnliche Analyse gemacht, die jedoch den tatsächlichen „traffic“ von einem Blog zum anderen in der Hyposphäre analysierte (Mercklé 2011). Bei beiden Graphen werden Cluster deutlich, die auf einer semantischen, kulturellen, periodischen, thematischen oder institutionellen Affinität der betroffenen Blogs zueinander beruhen. Cornelius Puschmann hat im September 2012 alle Links der Blogs von hypotheses.org innerhalb wie außerhalb der Hyposphäre ausgewertet (siehe Abbildung 6). Jeder Punkt ist ein Blog oder eine Website, auf den ein Blog verlinkt. Die Linien stellen die Links dar, wobei besonders dicke Linien wiederholte Verlinkungen anzeigen. Punkte, die besonders groß sind, haben besonders viele eingehende Verlinkungen (beispielsweise hypotheses.org). Websites, die zentral im Graphen sind, haben viele eingehende Links von unterschiedlichen Blogs. Diejenigen Websites, die am Rand der Darstellung liegen, erhalten nur Links von bestimmten Blogs aus.

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Abbildung 6: Die Hyposphere 2012, erstellt von Cornelius Puschmann

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Auch wenn die analytischen Interpretationsmöglichkeiten solcher Graphen begrenzt sind, zeigen sie doch anschaulich, dass Blogs nicht vereinzelt im Internet stehen, sondern eine Gesamtheit bilden, die stark vernetzt ist und die über die Einbindung anderer sozialer Medien und Webseiten reflexive Räume bilden. Dabei ist zu berücksichtigten, dass auch solche Graphen immer nur einen geringen Teil der Interaktion wiedergeben können. Denn neben den Kommentaren, Trackbacks, Pingbacks und Verlinkungen, die alle zum letztlich homogenen Ökosystem der Blogs gehören, findet darüber hinaus auch eine „stille Konversation“ statt, die nicht messbar ist (Dacos/Mounier 2010). Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn eine Autorin auf einer Konferenz von einem Leser auf ihr Blog angesprochen wird, wenn zwei Leser sich über einen Beitrag austauschen, wenn ein Blogbeitrag in einer gedruckten Publikation zitiert wird oder wenn darauf über Umwege verwiesen bzw. gar nicht verwiesen wird, weil Blogs nicht als zitierfähig gelten. Die analogen Linien der stillen Konversation sind in der Netzwerkanalyse nicht sichtbar und lassen sich für die statistische Nutzung von Blogs nicht nachweisen. Sie sollten jedoch mit bedacht werden, wenn man über Erfolg oder Nichterfolg eines Blogs spricht.

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Hinzu kommt ein weiteres nicht-statistisches Phänomen, dass gleichwohl den Nutzen von Blogs beschreibt: Deren Bedeutung liegt auch darin, dass ihre open access verfügbaren Beiträge von „unerwarteten Lesern“ entdeckt werden können. Versperren bei vielen anderen Publikationen Zugangsbarrieren den Weg, so trägt die freie Verfügbarkeit im Netz dazu bei, Zufallsfunde zu erhöhen, und das über nationale und disziplinäre Grenzen hinweg. Manche thematisch verwandte Forschungsprojekte werden auf diese Weise über verschlungene Pfade zusammengeführt und vernetzt (Smith 2011). Auch dies lässt sich nicht mit harten Zahlen quantifizieren oder messen, ist aber für jeden, dem es selbst schon so ergangen ist, sofort einsichtig.

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Messbar ist dafür ein anderer Aspekt bei den Blogs: und zwar die Treue der Leserschaft. Diese ist – zumindest bei der Plattform OpenEdition – zu den Blogs ausgeprägter als zu den Zeitschriften: Zwischen 1,9 und 4,4 mal kehren die Leser zu den beliebtesten Blogs zurück, aber nur zwischen 1,2 und 1,5 mal im Monat zu den beliebtesten Zeitschriften auf derselben Plattform (Dacos, Mounier 2010). Das lässt sich derzeit ebenso für das deutschsprachige Portal feststellen: Seit März diesen Jahres ist die „Treue“ der Leser zu den Blogs von 2,5 auf 2,8 Besuche durchschnittlich im Monat gestiegen. Grund zur Annahme, dass auch die stille Konversation rund um de.hypotheses.org so still nicht ist. Nur unsichtbar.

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Literaturliste

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Anita Bader/Gerd Fritz/Thomas Gloning: Digitale Wissenschaftskommunikation 2010-2011. Eine Online Befragung, Gießener Elektronische Bibliothek 2012 [http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2012/8539/], eingesehen 10.10.2012.

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Aurélien Berra: News from the Hyposphère, Blogbeitrag 19.4.2012, in: Blog: Philologie à venir, [http://philologia.hypotheses.org/710], eingesehen 10.10.2012.

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Marin Dacos: La conversation silencieuse, Blogbeitrag 23.7.2009, in: Blog: Homo Numericus [http://blog.homo-numericus.net/article191.html], eingesehen 10.10.2012.

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Marin Dacos, Pierre Mounier: Les carnets de recherches en ligne, espace d’une conversation scientifique décentrée, in: Lieux de savoir, T.2, Gestes et supports du travail savant, Paris 2010.

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Josquin Debaz: Hypothesosphère, Blogbeitrag 8.12.2010, in: Blog: Socio-informatique et argumentation, [http://socioargu.hypotheses.org/1921], eingesehen 10.10.2012.

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Klaus Graf/Mareike König: Entwicklungsfähige Blogosphäre – ein Blick auf deutschsprachige Geschichtsblogs, Blogbeitrag 9.12.2011, in: Blog: Redaktionsblog, [http://redaktionsblog.hypotheses.org/40], eingesehen 10.10.2012.

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Klaus Graf/Mareike König: Forschungsnotizbücher im Netz: Weblogs in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft, in: WerkstattGeschichte (geplant für 2013).

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Mareike König: Blogging tricolore: geisteswissenschaftliche Blogs in Frankreich, Blogbeitrag 11.8.2011, in: Blog: Archivalia, [http://archiv.twoday.net/stories/38743431/], eingesehen 10.10.2012.

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Peter Haber: Digital Past: Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011.

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Pierre Mercklé: L’Hyposphère, Blogbeitrag 7.6.2011, in: Blog: », pierremerckle.fr. De la sociologie et plein dautres choses, [http://pierremerckle.fr/2011/06/lhyposphere], eingesehen 10.10.2012.

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Frédérique Muscinesi: Des ISSN pour les carnets d’Hypotheses.org, Blogbeitrag 22.6.2011, in: Blog: L’Édition électronique ouverte, [http://leo.hypotheses.org/6962], eingesehen 10.10.2012.

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If you build it, will they come? How researchers perceive and use web 2.0. A report funded by the Research Information Network (RIN). Published July 2010 [http://www.rin.ac.uk/our-work/communicating-and-disseminating-research/use-and-relevance-web-20-researchers], eingesehen 10.10.2012.

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Clay Shirky: Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations, New York 2008.

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Kevin Smith: The unexpected reader, Blogbeitrag 15.11.2011, in: Blog: Scholarly Communication @ Dukes, [http://blogs.library.duke.edu/scholcomm/2011/11/15/the-unexpected-reader/], eingesehen 10.10.2012.